Das berühmte "letzte Wort"

Der Angeklagte hat immer das "letzte Wort". Nach § 258 Abs. 2 Hs. 2 , Abs. 3 hat er das Recht, vor der Urteilsberatung als Letzter in der Hauptverhandlung zu sprechen. Das gilt auch im Verhältnis zu seinem eigenen Verteidiger. Er kann sein letztes Wort nicht auf den Verteidiger übertragen. 

Das "letzte Wort" zu seiner eigenen Verteidigung zu nutzen ist unumstößlich das Recht des Angeklagten, auch dann wenn er vorher schon Gelegenheit zu Ausführungen und Anträgen hatte. 

Ich kann mich nicht konkret daran erinnern, dass in einer Hauptverhandlung das letzte Wort des Angeklagten den Ausschlag gegeben hätte.

 Aber wer weiß ? Vielleicht war ich manchmal zu schnell dabei, das milde Strafmaß oder die Aussetzung der Strafe zur Bewährung den eigenen Verteidigungszügen zuzuschreiben. Ich könnte mir schon vorstellen, dass ein Gericht das "letzte Wort" eines Angeklagten noch im Ohr hatte, wenn eine Sache in der Urteilsberatung auf der Kippe stand. Besser müsste man Richter nach ihren Erinnerungen fragen.

Unbestritten ist, dass der persönliche Eindruck des Gerichts von einem Angeklagten für ein Urteil wichtig ist. Und der kann auch durch ein "letztes Wort" noch einmal beeinflusst werden. Das erinnert mich aber auch daran, dass der erste Eindruck meistens der wichtigste sein soll. Ich muss hier nicht extra betonen, dass ich bei jeglicher Strafverteidigung eigentlich auch zu "je früher, desto besser" tendiere.

Meistens beschränkt sich der Angeklagte auf Sätze wie: "Ich habe nichts mehr zu erklären" oder "Ich schließe mich den Ausführungen meines Verteidigers an". Derart kurze Sätze können die nachfolgende Entscheidung des Gerichts jedenfalls nicht mehr ganz entscheidend beeinflussen. Ein Kollege, Strafverteidiger in Dortmund, hat mir mal erklärt, er rate seinen Mandanten immer dazu, beim "letzten Wort" gar nichts zu sagen oder sich einfach dem Verteidiger anzuschließen. Sonst hätte er Angst, das mit dem "letzten Wort" alles nur noch schlimmer würde.

Vorsichtige Ausübung des letzten Wortes ist ganz sicher kein Fehler. Aber der Weisheit letzter Schluss kann der Standardsatz für eine gute Strafverteidigung sicher auch nicht sein. Zumal der Angeklagte auch über Umstände sprechen darf, die sich auf die Beweggründe für seine Tat beziehen oder Einsichten, die er danach gewonnen hat. Wenn der Angeklagte z.B. gut reflektiert Einsichten darstellt, die er aufgrund der Untersuchungshaft oder der Hauptverhandlung gewonnen hat, kann das ein Gericht davon überzeugen, dass es bei dem Angeklagten mit der Durchführung des Strafprozesses schon etwas bewirkt hat, was es nicht mehr mit erhöhter Strafe bewirken muss.

Wie das ideale "letzte Wort" aussieht, hängt vom Naturell des Mandanten ebenso ab, wie vom Verlauf und der Atmosphäre in der Hauptverhandlung. Als Verteidiger fürchte ich nur unkontrollierte Ausbrüche. Ein trotz eindeutiger Beweislage immer noch die Schuld auf andere abwälzender Angeklagter verbessert mit seinem "letzten Wort" nichts. Er hinterlässt keinen förderlichen Eindruck bei Richtern, besonders bei Laienrichtern. Ein gut bedachtes "letztes Wort" nutzt aber auch noch die allerletzte Chance der Verteidigung. Man müsste schon gute Gründe dafür haben, irgendeine Chance auszulassen, geschweige denn die letzte.
 
Bei einem jugendlichen Angeklagten ist übrigens auch dessen gesetzlichem Vertreter von Amts wegen das letzte Wort zu erteilen. Wenn man den Angeklagten auf das letzte Wort vorbereitet, muss man auch daran denken. Sonst kann passieren, was ich als Strafverteidiger in Duisburg erlebt habe, dass der türkische Vater des jugendlichen Angeklagten den Strafantrag der Staatsanwaltschaft in seinem letzten Wort entschieden mit dem Ruf: "Zu wenig !" kommentierte. Dass das Gericht am Ende doch noch unter dem Strafantrag der Staatanwaltschaft blieb, kann ich mir nur so erklären, dass es bei der Strafzumessung berücksichtigt hat, dass der Junge zuhause noch eine "Nebenstrafe" zu erwarten hatte.

Der Vorsitzende des Gerichts muss immer dem Angeklagten ausdrücklich das "letzte Wort" erteilen. Kommt das Gericht dieser Verpflichtung nicht nach, ist die Revision des Angeklagten meist begründet.
 
Ich habe allerdings auch schon erlebt, dass selbst erfahrene Richter einmal das "letzte Wort" vergessen haben. Vor zwei Jahren passierte mir das in einem bayerischen Gerichtssaal, der ansonsten nahezu perfekt dem Klischee vom „Königlichen Bayerischen Amtsgericht“ entsprach. Normalerweise ist das Procedere um das letzte Wort allen Beteiligten schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass es so gut wie nie vergessen wird. Die Aufforderung zum letzten Wort und das Anhören desselben sind aber auch so zur abzuspulenden Routine geworden, dass es schon eines außergewöhnlichen "letzten Wortes" des Angeklagten bedarf, um damit etwas zu erreichen, was seine Strafverteidigung bis zum Schluss der Hauptverhandlung nicht erreichen konnte.

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